Flucht vor den Nazis: Wie jüdische Flüchtlinge 1939 an "Papiermauern" scheiterten
Henry SeidelFlucht vor den Nazis: Wie jüdische Flüchtlinge 1939 an "Papiermauern" scheiterten
Die Not der jüdischen Flüchtlinge, die vor dem nationalsozialistischen Deutschland flohen, wurde in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg immer verzweifelter. Strenge Einwanderungsbestimmungen, bürokratische Hürden und finanzielle Not brachten viele in eine gefährliche Ungewissheit. Einer der berüchtigtsten Fälle war der des Dampfers MS St. Louis, der 1939 mit über 900 jüdischen Passagieren an Bord von mehreren Ländern die Einreise verweigert wurde.
Die Verfolgung der Juden in Deutschland verschärfte sich nach Hitlers Machtübernahme 1933. Allein in diesem Jahr flohen 54.400 Juden aus dem Land. Zwei Jahre später entzogen ihnen die Nürnberger Gesetze die Staatsbürgerschaft und degradierten sie zu Bürgern zweiter Klasse.
Das NS-Regime erschwerte die Auswanderung zusätzlich durch finanzielle Schikanen. Maßnahmen wie die Reichsfluchtsteuer und die Beschlagnahmung von Vermögen raubten denen, die das Land verlassen wollten, die letzten Mittel. Selbst wenn es Flüchtlingen gelang, eine Ausreiseerlaubnis zu erhalten, prallten sie auf "Papiermauern" – endlose bürokratische Anforderungen nach Visa, Genehmigungen und Bürgschaften anderer Nationen.
Als Reaktion darauf loteten jüdische Führungspersönlichkeiten verschiedene Fluchtwege aus. Eine Delegation schlug vor, nicht nur nach Palästina, sondern auch in westliche Länder und nach Afrika auszuwandern. Professor Dr. Stephen Wise legte einen ehrgeizigen Plan vor: die Beschaffung von 50 Millionen Dollar, um eine groß angelegte jüdische Ansiedlung in Palästina zu finanzieren. Das Vorhaben erforderte eine beispiellose Spendenaktion der jüdischen Gemeinden weltweit.
Trotz dieser Bemühungen blieben viele gefangen. Die Reise der MS St. Louis im Jahr 1939 machte die Dramatik der Lage deutlich. Nach der Abweisung durch Kuba, die USA und andere Staaten stand die Passagiere eine ungewisse Zukunft bevor. Persönlichkeiten wie Anne Frank und Franklin D. Roosevelt wurden später mit dem größeren Kampf der Flüchtlinge um Sicherheit in Verbindung gebracht.
Die Hindernisse für die jüdische Auswanderung aus dem nationalsozialistischen Deutschland waren gewaltig. Finanzielle Strafen, rechtliche Beschränkungen und internationale Gleichgültigkeit ließen Tausende im Stich. Zwar boten Pläne wie Wises Ansiedlungsinitiative Hoffnung, doch für viele – darunter auch die Passagiere der St. Louis – blieb die Realität düster und ohne Lösung.






