Vergessene trans Ikone der Weimarer Republik feiert Bühnen-Comeback in Hamburg
Emma KrügerVergessene trans Ikone der Weimarer Republik feiert Bühnen-Comeback in Hamburg
Eine neue Bühnenperformance ehrt eine fast vergessene trans Figur der Weimarer Republik – Premiere in Hamburg
Tänze fast vergessener Geister erzählt die Geschichte von Liddy Bacroff, die nach einer Änderung ihres bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts offen lebte. Die Inszenierung verbindet Geschichte, Musik und persönliche Erzählungen, um Bacroffs Leben auf die Bühne zu bringen.
Die von René Reith entwickelte Produktion verzichtet auf eine klassische historische Erzählung. Stattdessen greift sie auf Bacroffs eigene Gefängnisaufzeichnungen und das Lavendellied zurück – eine Hymne queeren Stolzes aus den 1920er-Jahren. Vier Performende verkörpern fließende Identitäten, agieren nicht als Figuren, sondern als sie selbst und unterstreichen damit die Botschaft des Stücks: trans Menschen "einfach so zu sehen, wie wir immer waren".
Auf der Bühne erwachen Bacroffs Worte durch pulsierende Beats, wirbelnden Nebel und mutige, trotzig-elegante Posen zum Leben. Die Künstler:innen spielen keine Rollen, sondern kanalisieren ihre eigenen Erfahrungen – die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart löst sich auf. Den Höhepunkt bildet ein kraftvoller Moment: Performende und Publikum bilden einen Kreis und teilen persönliche Geschichten über Geschlecht. Damit wird die Trennung zwischen Zuschauer:innen und Künstler:innen aufgehoben, die Vorstellung wird zu einer kollektiven Reflexion.
Bacroffs Leben war von Mut und Tragik geprägt. Als offen trans Person in der Weimarer Zeit wurde sie später von den Nationalsozialisten verfolgt, als "Schänderin der Sittlichkeit im schlimmsten Grade" verurteilt und ermordet. Die Produktion ist zugleich Feier und Mahnmal – ein Beitrag, damit ihre Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.
Nach der Premiere im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel gastiert das Stück im Berliner Ballhaus Ost und im Münchner Pathos Theater. Die Aufführungen sind Teil von Reiths künstlerisch-wissenschaftlichem Promotionsprojekt, das queere Geschichte durch Live-Performance erforscht.
Die Tournee bringt Bacroffs Geschichte einem größeren Publikum in Berlin und München näher. Durch die Verbindung von Archivfunden mit zeitgenössischen Stimmen hält die Inszenierung die Vergangenheit wach und fordert gleichzeitig Anerkennung in der Gegenwart ein. Der abschließende Kreis geteilter Erzählungen lässt die Zuschauer:innen nicht als bloße Beobachter:innen zurück, sondern als Teil einer fortlaufenden Debatte.