07 May 2026, 12:02

Verdrängte Erinnerung: Wie die DDR Halberstadts jüdische Geschichte tilgte

Das Holocaust-Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin, mit einem Gitter aus weißen und blauen Betonsteinen.

Verdrängte Erinnerung: Wie die DDR Halberstadts jüdische Geschichte tilgte

Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht die vergessene jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR-Zeit. „Verleugnetes Erbe: Die jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR“ stellt lang gehegte Vorstellungen vom antifaschistischen Anspruch des Staates infrage. Die Arbeit zeigt zudem auf, wie sich Antisemitismus trotz offizieller Narrative hartnäckig hielt.

Die Recherchen begannen nach dem Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen im Jahr 2018, der antisemitische Äußerungen auslöste – darunter das Geflüster von einem „Verkauf an die Juden“. Grafs Erkenntnisse offenbaren ein tieferliegendes Muster der Auslöschung und Verfälschung in der Regionalgeschichte.

Die jüdische Gemeinde Halberstadts war einst ein blühendes Zentrum des Neo-Orthodoxen Judentums. Zwischen 1938 und 1942 wurde sie systematisch zerstört, beginnend mit der Sprengung der Synagoge. Pfarrer Martin Gabriel bemerkte später, dass dieser Akt den Anfang vom größeren Niedergang der Stadt markierte.

Cashback bei deinen
Lieblingsrestaurants und Services

Kaufe Gutscheine und spare in deinen Lieblingsorten in deiner Nähe

LiberSave App auf Smartphones

1949 entstand am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit. Doch ihr Zweck verschob sich mit der Zeit. Bis 1969 wurde die Anlage zu einem Ort politischer Treuegelübde umgestaltet – direkt über den Gräbern der Häftlinge errichtet. Die unterirdischen Stollensysteme des Lagers wurden in den 1970er-Jahren sogar als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.

Grafs Studie legt eine eklatante Widersprüchlichkeit im DDR-Erbe offen: Trotz antifaschistischer Bekundungen versäumte es der Staat, jüdisches Kulturerbe zu bewahren. Zwar trugen Persönlichkeiten wie die Sängerin Lin Jaldati oder die Schriftsteller Peter Edel und Jurek Becker zur Sichtbarkeit jüdischen Lebens bei, doch blieben ihre Beiträge randständig. Das Buch argumentiert, dass es sowohl 1949 als auch 1989 Instrumente gegen Antisemitismus gab – sie wurden jedoch ignoriert oder beiseitegeschoben.

Die Arbeit fordert eine Neubewertung alter Analyseansätze, gleich ob von links oder rechts. Graf besteht darauf, dass Autoritarismus und Antisemitismus – unabhängig von politischer Fassade – heute mit erneuter Schärfe hinterfragt werden müssen.

Grafs Werk deckt die Kluft zwischen der antifaschistischen Rhetorik der DDR und ihrem tatsächlichen Umgang mit jüdischer Geschichte auf. Das Buch dokumentiert nicht nur Halberstadts getilgte Vergangenheit, sondern mahnt auch eine kritische Auseinandersetzung damit an, wie solche Verdrängungen überhaupt möglich waren.

Die Ergebnisse sind eine Mahnung: Antisemitismus und Autoritarismus erfordern ständige Wachsamkeit. Ohne sie riskieren selbst wohlmeinende politische Systeme, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen.

Quelle