Deutsche Industrie flieht ins Ausland – Jobs und Produktion wandern ab
Moritz HartmannDeutsche Industrie flieht ins Ausland – Jobs und Produktion wandern ab
Deutsche Industrieunternehmen verlagern Produktion und Forschung ins Ausland. Hohe Lohnkosten, übermäßige Bürokratie und teure Energie treiben diese Entwicklung voran. Eine aktuelle Umfrage der Unternehmensberatung Horváth und des Handelsblatts unterstreicht den wachsenden Trend zur globalen Verteilung von Unternehmensaktivitäten.
An der Befragung beteiligten sich 1.000 Unternehmen, die ihren Hauptsitz und ihre Kernfunktionen weiterhin in Deutschland belassen. Dennoch plant fast jedes Unternehmen bis 2030 eine Expansion in Indien – mit einem angestrebten durchschnittlichen Umsatzwachstum von 4 %. Mit dieser Ausweitung werden jedoch kaum neue Arbeitsplätze entstehen.
Die hohen Arbeitskosten in Deutschland bleiben ein zentrales Problem: Sie liegen 22 Prozent über dem EU-Durchschnitt und sind mehr als doppelt so hoch wie in Asien oder Osteuropa. Lieferkettenstörungen und steigende Handelsbarrieren haben die Unternehmen zudem dazu veranlasst, eine „Produktion vor Ort für den lokalen Markt“-Strategie zu verfolgen, um näher an ihren Kunden zu produzieren.
Auch die Investitionspläne spiegeln diesen Wandel wider: Rund 40 Prozent der Budgets bis 2030 fließen weiterhin in den Standort Deutschland – vor allem in die Instandhaltung bestehender Standorte und Automatisierung. Neue Kapazitäten und Arbeitsplätze entstehen hingegen vermehrt im Ausland. Nur 16 Prozent der Unternehmen wollen in Deutschland zusätzliches Personal einstellen; das Wachstum konzentriert sich auf Indien, China, Nordamerika, den Nahen Osten und Afrika.
Der Arbeitsplatzabbau in Deutschland hat bereits begonnen. Bis zum ersten Quartal 2026 gingen in der Industrie 127.300 Stellen verloren – ein Rückgang um 2,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Seit 2019 summiert sich der Verlust auf 341.500 Arbeitsplätze. Der Chemiekonzern Evonik kündigte kürzlich weitere 3.200 Stellenstreichungen an, größtenteils in Deutschland, nach bereits 2.800 Abbau im Verwaltungsbereich seit 2024.
Die Verlagerung ins Ausland verändert die deutsche Industrie grundlegend. Zwar werden weiterhin Investitionen im Inland getätigt, doch neue Produktion und Arbeitsplätze entstehen zunehmend im Ausland. Die Unternehmen passen sich an niedrigere Kosten, lokale Nachfrage und globale Handelsherausforderungen an.
